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Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Würzburg  > Wir über uns  > Politik

Von Managerinnen und Idealisten

Jugendpolitik im Visier

 

"Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft bemißt sich nicht zuletzt daran, welche Perspektiven und Zukunftschancen sie ihrer Jugend gibt."

Dieses Zitat aus dem Papier "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit - Wort der beiden Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland" faßt zusammen, warum der BDKJ sich jugendpolitisch engagiert: Angesichts immer härterer Verteilungskämpfe, die ausschließlich von Erwachsenen bestimmt werden, will er Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen eröffnen und so zum Überleben der Gesellschaft beitragen.

 
Jugendpolitik ist Querschnittspolitik, ist Interessensvertretung von, mit und vor allem für Kinder und Jugendliche. Überall, wo die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute oder zukünftig betroffen ist, ist es wichtig, sich zu Wort zu melden. Weil jedoch Zeit und Kraft im BDKJ begrenzt sind, und viele politische Entscheidungen die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen betreffen, gilt es, Schwerpunkte zu setzen. Die jugendpolitischen Ressourcen müssen auf die Themen konzentriert werden, die entscheidend für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen sind.Läßt man in dieser Frage die Jugendlichen selbst zu Wort kommen, ist das Ergebnis eindeutig: Nicht Probleme in Beziehungen oder Krach mit den Eltern bereiten heutigen Jugendlichen die größten Sorgen. Die meiste Angst haben sie vor Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Armut, stellt die jüngste Shell-Studie fest.

Auf diese gesellschaftliche Situation hat der BDKJ-Diözesanverband mit seinem auf der Diözesanversammlung 1997 verabschiedeten Leitantrag "...die Flamme der Gerechtigkeit weitertragen: Zukunftsinteressen von Kindern und Jugendlichen" reagiert. Darin fordert der Würzburger BDKJ einen drastischen Wohlstandsverzicht bis weit in die sogenannte Mittelschicht. Durch diesen Verzicht sollen die sozialen und ökologischen Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen gesichert werden. Es geht dem BDKJ dabei um ein durchgreifend anderes Verhältnis zur Schöpfung, um neue Arbeitsplätze, um soziale Gerechtigkeit und um Absicherung mit Blick auf das Alter. Permanente Renten- und Steuerdiskussionen, harmlose Umweltgipfel, erschreckende Armutsberichte und harte Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit zeigen die Aktualität dieser Fragen. 

Die Materie ist heiß. Das zeigten allein schon die heftigen Diskussionen auf der Diözesanversammlung. Der BDKJ beschränkt sich nämlich nicht auf allgemeine Appelle oder grobe Richtungsanzeigen, sondern provoziert mit harten Zahlen. Vermögen ab 750.000 DM soll beispielsweise steuerlich stärker herangezogen werden. Der BDKJ ist sich bewußt, daß eine solche steuerliche Abschöpfung mehr Bürokratie und einen spürbaren Eingriff in die Freiheit des Einzelnen bedeutet. Unschöne Dinge. Aber andere Finanzierungskonzepte für eine lebenswerte Zukunft von Kindern und Jugendlichen konnten bisher nicht überzeugen.

Mit diesem Leitantrag rückt Jugendpolitik in den Vordergrund der Würzburger Dachverbandsarbeit. Er bildet das inhaltliche Fundament, auf das der BDKJ sein Engagement für Kinder und Jugendliche stellt. Das Wahljahr 1998 ist eine sehr gute Möglichkeit, die Ideen des Leitantrages im politischen Prozeß zu verankern, beispielsweise durch Gespräche mit Politikerinnen und Politikern oder durch Polit-Spiele.

Daneben sollen aber die klassischen Felder jugendpolitischer Vertretungsarbeit nicht vernachlässigt werden. Ein wichtiger Teil der Interessensvertretung ist, katholische Jugendverbandsarbeit finanziell abzusichern. Dabei helfen die Jugendringe, in denen der BDKJ auf allen Ebenen traditionell engagiert mitarbeitet und oft Vorstandsverantwortung übernimmt..

In den Jugendringen haben sich Organisationen zusammengeschlossen, die aktiv Jugendarbeit betreiben, demokratisch strukturiert und parteipolitisch ungebunden sind. Hier hat der Staat einen Teil seiner Aufgabe an selbstorganisierte Jugendverbände abgegeben (Subsidiaritätsprinzip). Ein wesentliches Grundelement ist dabei der gesetzlich eingeräumte Vorrang verbandlicher Jugendarbeit (freier Träger) vor staatlichen Stellen (öffentlicher Träger). Ein Beispiel dafür ist, daß Jugendringe die staatlichen Gelder nach von ihnen festgelegten Kriterien als Zuschüsse auszahlen.

Diözesanjugendforum 1994
Diözesanjugendforum 1994

Seit einigen Jahren arbeitet jeweils ein Mitglied des BDKJ-Diözesanvorstands im Bezirksjugendring-Vorstand mit. Ein Erfolgserlebnis ist, daß seit Mai 1997 mit ihrer Wahl zur Vorsitzenden des Bezirksjugendrings Unterfranken die ehemalige BDKJ-Diözesanvorsitzende Andrea Czech das höchste jugendpolitische Amt in Unterfranken begleitet.

Eine weitere klassische Aufgabe sind die Kontakte mit Politikerinnen und Politikern. Der BDKJ führt regelmäßig Gespräche mit den Landtagsabgeordneten Karin Radermacher (SPD), Hans-Werner Loew (SPD), Dr. Walter Eykmann (CSU), Dr. Gerhard Stockinger (CSU) und Petra Münzel (Bündnis 90/Die Grünen). Die Stärkung ehrenamtlichen Engagements zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Gespräche. So wurde z. B. mit Frau Radermacher eine kleine Anfrage im Bayerischen Landtag zu diesem Thema ausgearbeitet. Daneben werden oft kontrovers Themen diskutiert, die in den Mitgliedsverbänden aktuell sind, wie z. B. Ökologie oder Frauen.

Es gibt noch einige weitere Mosaiksteine, die das Bild von Jugendpolitik im BDKJ-Diözesanverband vervollständigen:

Bereits der - erfolgreichen - Vergangenheit gehört an, daß sich der BDKJ-Diözesanverband für das Volksbegehren und den späteren Volksentscheid "Mehr Demokratie in Bayern" ausgesprochen hat und diesen massiv unterstützte. Weiter seien das FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) und das FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr) erwähnt. In Trägerschaft der diözesanen Arbeitsgemeinschaft FSJ, die aus BDKJ und Katholischer Mädchensozialarbeit besteht, leisteten in der Diözese Würzburg 1996/97 33 junge Frauen und Männer einen freiwillig sozialen Dienst. Das FSJ ist ein qualifiziertes Angebot der beruflichen Orientierung und der sozialen Bildung junger Menschen. Der sich fortsetzende Trend einer starken Nachfrage nach FSJ-Plätzen zeigt, daß das Konzept ankommt.

Das FÖJ ist relativ jung. Es wurde 1995/96 in der Diözese Würzburg erstmals geleistet. Mit der gelungenen Etablierung des FÖJ im BDKJ-Diözesanverband in konkreten Einsatzfeldern der Jugendverbände bietet der BDKJ jungen Menschen eine weitere Möglichkeit für Orientierung und Bildung - hier in besonderem Maße im ökologischen Handeln aus christlicher Verantwortung heraus.

Diese Bilanz beeindruckt. Doch grundsätzlich gilt: Jugendpolitik ist manchmal ein mühsames und anstrengendes Geschäft. Jugendpolitik bedeutet, jugendgemäße Politik zu betreiben. Das heißt, Unglaubwürdigkeit, schöngefärbte Aussagen und zweckentfremdete Vereinnahmung aufzudecken, aber auch eigene Interessen offenzulegen sowie klar, ehrlich und authentisch zu bleiben. Grundsätzlich hört sich das einfach an. Doch es ist bei den herrschenden Spielregeln nicht immer leicht.

Jugendpolitik bedeutet auch, professionell zu sein. Kommerzielle Anbieter nehmen Kinder und Jugendliche mehr und mehr als attraktive Zielgruppe wahr. Auch werden die Problemfelder komplexer, undurchsichtiger. Die Herausforderungen der 90er Jahre heißen Pluralisierung und Differenzierung. Lebenswelten und -bilder von Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich stark voneinander. Es gibt nicht mehr "die Jugend". In der Konsequenz bedeutet dies, daß auch die Vertretungsarbeit professionelle Ansprüche stellt. Es gilt, möglichst viele Informationen zu sammeln, zu sichten und auszuwerten sowie mit immer komplizierteren Regelwerken umzugehen. Hier stoßen ehrenamtliche Kapazitäten an ihre Grenzen. Gleichzeitig gilt im Würzburger BDKJ, daß das jugendpolitische Engagement immer auch ehrenamtlich leistbar sein muß, weil Ehrenamtliche das Rückgrat der Verbandsarbeit bilden - ein spannendes Thema.

Abschließend fünf Thesen zur jugendpolitischen Zukunft des BDKJ:

1. Es gibt keine Alternative zur Jugendverbandsarbeit.
Nur hier können Kinder und Jugendliche Demokratie erleben und einüben. Es dauert zwar einige Zeit, prägt dafür aber ein ganzes Leben. Es ist für unsere Gesellschaft überlebensnotwendig, daß junge Menschen positive Erfahrungen mit dem breiten Spektrum demokratischer Gestaltungsmöglichkeiten machen und lernen, damit umzugehen.

2. Es braucht kreative und mutige Mitbestimmungs- und -gestaltungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, die ihnen wirklichen politischen Einfluß geben.
Nur so können die (Lebens)Interessen junger Menschen rechtzeitig und vor allem wirkungsvoll ins Spiel gebracht werden. In der momentane Umbruchsituation setzen die politisch Verantwortlichen die Zukunft dieser Gesellschaft aufs Spiel. Damit sich die Ängste nicht in Resignation oder Depression verwandeln, müssen Kinder und Jugendliche direkt und über ihre gewählten Interessenvertretungen stärker zu Wort kommen.

3. Es braucht auch in den nächsten Jahren einen starken Dachverband.
Die Anfragen an Inhalte und Arbeitsweisen von Kinder- und Jugendverbänden werden zunehmen. Die Gelder werden knapper und die Verteilungskämpfe aggressiver. Hier muß der BDKJ als Dachverband gebündelt die Bedeutung katholischer Jugendverbandsarbeit vertreten und dafür sorgen, daß die Mitgliedsverbände nicht gegeneinander ausgespielt werden.

4. Ehrenamtlichkeit bleibt das Grund-prinzip von Jugendverbandsarbeit.
Es ist und bleibt die Hauptaufgabe des BDKJ, ehrenamtliches Engagement abzusichern. Dazu gehören die kritische Überprüfung eigener Strukturen und Arbeitsweisen, der sinnvolle Einsatz hauptamtlicher Ressourcen zugunsten und unter der Fachaufsicht Ehrenamtlicher sowie die Begrenzung der Aufgabenfülle. Damit der Spaß und die Lust am ehrenamtlichen Engagement nicht verloren geht.
Dazu gehört aber auch, politische Rahmenbedingungen zu verbessern. Damit Ehrenamtlichkeit neben Schule, Beruf oder Studium gefördert wird und die erworbenen Kompetenzen (wie z. B. Teamfähigkeit) sich als Schlüsselqualifikationen gesellschaftlich und beruflich auszahlen.

5. Es braucht Idealistinnen und keine Manager.
Bereits jetzt schwirren BWL-Begriffe wie outputorientierte Steuerung durch die Jugendverbände. Unternehmensberatungen entdecken hier einen neuen Markt und nutzen ihn eifrig. Falls dies qualifiziert geschieht, können Jugendverbände in Randbereichen davon profitieren. Doch ein Kernproblem bleibt: Betriebswirtschaftliche Kennzahlen taugen nicht als Kriterium, mit dem das wertorientierte ehrenamtliche Engagement von Kindern, Jugendlichen und Jungen Erwachsenen gemessen werden kann. Aus christlichem Geist selbstorganisiert Kirche und Gesellschaft zu gestalten - das ist nicht meßbar. Entscheidend wird weiterhin - wie in den letzten 50 Jahren - sein, wie glaubwürdig eine gewählte Mandatsträgerin ihre christliche Spiritualität lebt oder wie ein Gruppenleiter seine Gruppenmitglieder begeistert.

Brigitte Amend
(BDKJ-Diözesanvorsitzende 1993-1998)

Dr. Martin Schwab
(BDKJ-Diözesanvorsitzender 1991-1998)